Dienstag, 31. Mai 2022

Schöner Schein

Das ist schon ein Phänomen: Im Nachhinein erinnere ich mich meist nur noch an die schönen Seiten.
Heute ist mein letzter Arbeitstag im Chaoshotel. Ich sitze am Küchentisch und kleine Zweifel bezüglich meiner Entscheidung überkommen mich. Nein, Zweifel sind es nicht. Ich weiss und spüre, dass es die richtige Entscheidung ist, diesen Betrieb zu verlassen. Dennoch frage ich mich, was ich hätte anders machen können, damit es nicht zu diesem Entscheid gekommen wäre.
Jede Idee, die ich habe, kommt auf die Wurzel des Problems zurück: Die Kommunikation ist das für mich grundlegend fehlende Element in diesem Betrieb. Das Pächterehepaar pflegt einen Kommunikationsstil, der mir nicht entspricht. Ihre Idee von Menschen- und Betriebsführung entspricht nicht meinen Werten. Das ist eine Tatsache und wie ein Mantra wiederhole ich es für mich. Denn ja klar! Ich finde es super schade, dass es nicht geklappt hat. Dass ich dieses wunderschöne Hotel verlasse. Dass ich mein kleines Team verlasse. So viel Potenzial.
Gäbe es doch noch eine Möglichkeit, irgendetwas zu bewirken?
Und dann denke ich: Mensch!! Die wursteln seit drei Jahren irgendwie herum und haben sich ihr Durcheinander selber kreiert. Das scheint ihr Stil zu sein und ist für mich ein Fass ohne Boden.
Erst gestern hab ich mich in einer Situation wiedergefunden, in der ich dachte: Mensch! Führt dieser Amateur-Haufen ohne erkennbare Hotelkompetenz tatsächlich ein 4-Sterne-Hotel? Es kam mir vor, als würden ein paar Chaos-Freunde ein kleines Fest planen und wild mit Gedanken um sich werfen, was dann alles noch so zu tun sein könnte. Null Struktur. Null Planung. Ich glaube, jeder unserer Scharanlässe im Blauring war besser organisiert als dieses Hotel.
Crazy shizzel dizzel!
Das macht mich echt fertig.
Es ist gut.
Ich sitze am Küchentisch. Ich geniesse den ersten Kaffee seit langer Zeit. Ich geniesse die Zeit. Ich freue mich auf meinen letzen Arbeitstag und einen runden Schluss. Ich freue mich, als Gast ins Hotel zurück zu kehren.