Donnerstag, 19. Mai 2011

Mein Freund, der Baum

Vor meinem Balkon steht ein Baum. Eine grosse, riesige Rosskastanie. Ein prachtvoller Baum. Es ist einer der ersten in der Nachbarschaft, der kleine grüne Blätter macht. Und von Tag zu Tag werden sie grösser. Es dauert jeweils nicht lange und „mein Freund, der Baum“ hat grosse grüne Blätter und treibt die ersten Blüten.
Nach einem kalten, unfreundlichen Winter drängt es ihn, sich zu entfalten, sein Leben in die Welt zu schleudern, allen zu zeigen, dass er lebendig ist und noch Grosses vorhat. Leider hat er so Grosses vor, dass seine mächtige Krone viel Schatten auf den Balkon und in die Wohnung meiner Nachbarn wirft. Sie fühlen sich gestört in ihrer eigenen Entfaltung. Gestört von der Grösse, der Lebendigkeit, dem Lebensplan eines anderen.
Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder meine Nachbarn arrangieren sich mit dem Schatten oder sie fällen den Baum. Zum Glück können auch meine Nachbarn Grösse zeigen und haben eine dritte Möglichkeit gefunden. Mein Baum hat nun ein paar Äste weniger, sieht aber noch immer herrlich aus und bleibt auch weiterhin das Wahrzeichen in unserer Strasse.
Wie schön ist es, wenn Menschen nicht nur Bäumen, sondern auch Menschen gegenüber wahre Grösse zeigen können. Wenn einer, der vor Leben strotzt, ungeahnte Wege geht, sich gegen Festgefahrenes wehrt mit Respekt behandelt wird. Wenn er ernst genommen wird und nicht gefällt wie ein kranker Baum.