Samstag, 23. Juli 2016

Vertrauliches aus dem Zug

Zugfahren ist schön. Nicht nur die Landschaften, die an mir vorbei ziehen oder die wundervollen Bauten, die immer wieder den Gleisen entlang auftauchen. Nein, auch die Mitfahrenden sind eine Quelle der Inspiration. Oder zumindest eine wunderbare Abwechslung. Vis-à-vis von mir sitzt heute zum Beispiel eine Frau, die perfekt französisch spricht, was wohl daran liegt, dass sie in der Romandie wohnt. Sie will nächstens verreisen, in welches Land habe ich noch nicht herausgefunden. Aber sie braucht bestimmt ein Visum und hat auch schon die Botschaft kontaktiert. Heute abend fährt sie dann wieder nach Zürich. Neinein, wir haben nicht darüber gesprochen. Nur sie. Lautstark am Telefon. Etwas früher an diesem Tag sass hinter mir eine Frau, die für das Wochenende ein Hotelzimmer „Comfort“ reserviert hatte. Sie ist im Besitz der Hotelcard und zur Garantie der Reservation gab sie ihre Kreditkartennummer an. Am Telefon, so dass es alle Leute im Zug tiptop hören konnten. Einen kurzen Augenblick war ich versucht mitzuschreiben.

Und neulich war ich unterwegs von Luzern nach Bern. Die ganze Fahrt über unterhielt sich der Herr im Abteil vor mir mit Marianne. Ein sehr einfühlsamer Herr, nebenbei bemerkt. Marianne hat offensichtlich kürzlich ihre Arbeit verloren. Genauso wie der einfühlsame Herr. Sie waren im gleichen Unternehmen beschäftigt und sind offenbar beide der Meinung, dass das eine furchtbare Firma ist. Keine Ahnung, was da alles passiert ist. Marianne konnte ich ja nicht hören, sie befand sich am anderen Ende der Telefonleitung. Während fast einer Stunde kam ich also in den Genuss dieses Gespräches und es entlockte mir mehr als nur einmal ein Schmunzeln, wenn der Herr wieder mal sagte: „Ja, das verstehe ich gut Marianne. Also nein, das darfst du dir nicht gefallen lassen Marianne! Ach du Arme.“ Marianne versteht übrigens besser Hochdeutsch. Der Herr gab sich redlich Mühe und gab seine Ratschläge im schönsten Schweizer Hochdeutsch ab. Es war wunderbar. Ganz alles verstand ich nicht und mitunter konnte ich mir ein Nachfragen nur knapp verkneifen. Es hätte mich doch wirklich Wunder genommen, was denn genau mit dieser Marianne los war. Und ich hätte auch gerne gesagt, dass es jetzt genug sei mit Mitgefühl und so. Nur immer das Opfer sein bringt ja auch niemanden weiter.

Anyway. Irgendwann kamen wir dann in Bern an. Ich stieg aus und wurde von einem adretten Mann angestrahlt. Das war sehr schön! Leider galt das Strahlen dann doch nicht mir, sondern dem einfühlsamen Telefonierer, der hinter mir ausstieg.
Jänu.