Mittwoch, 5. Oktober 2022

Spinnen-Heldin

Wer mich kennt - und die meisten, die hier lesen, kennen mich... - weiss, dass ich mich vor Spinnen ekle. Es gibt hier drin bereits einige Müsterli davon. Seit gestern ist mein Spinnen-Repertoire um eine Geschichte reicher.
Das war so:
Eines meiner Englischkindergartenkinder muss aufs Klo. Es ruft aus dem Klo: "Da ist eine Spinne." Ich denke: "Oh nein." Ich gehe zu ihm und frage, wo denn die Spinne stecke. Vor meinem inneren Auge sehe ich eine riesige fette schwarze Spinne auf dem Klorand sitzen. Zum guten Glück sind meine Wahnvorstellungen meist viel schlimmer als die Realität. Denn die Spinne, die das Kind vom Pinkeln abhält, ist ein filigraner Weberknecht, der unter dem WC-Bürsteli hängt. Soweitsogut. Doch das Kind kann trotz dieses kleinen Teils nicht pinkeln. Ich verstehe es. "Du musst die Spinne wegmachen", piepst es, "am besten tötest du sie", hängt es hintenan.
Nun, töten mag ich nicht. Aus irgendeinem Grund lebt dieses Tier schliesslich mit uns auf der Erde. Also hole ich ein Glas aus der Küche, ein Englischbuch aus dem Kursraum und schleiche mich ins Bad. Dicht gefolgt von fünf Kindergartenmädchen, die mir zusehen wollen, wie ich die Spinne einfange. Mannmannmann...
Ich lasse mir nix anmerken. Ich bin stark. Ich schaffe das. Ich bin ein Vorbild. Das ist nur eine kleine Spinne. Sie ist harmlos. Ich schaffe das. Die Macht ist mir und ich bin eins mit der Macht.
Ungefähr so lautet mein Mantra, das ich mir innerlich vorbete.
Als das Getier dann endlich ins Glas gerutscht ist und das Buch sie sicher drinhält, wollen alle Kinder das Getier begutachen. Sie sind fasziniert. Ich irgendwie auch.
Eines der Mädels macht mir das Fenster auf. Ich halte das Glas raus. Die Spinne fliegt raus. Ein kurzer Ekel überkommt mich, als sie in meine Richtung fliegt. Ich habe Glück - der nächste Wind trägt sie weit fort von mir.
Die Kinder sind gerettet. Ich bin eine Heldin.
Pinkeln muss dennoch keines mehr.