Gestern abend, kurz nach neun. Ein Mann, so um die 50 Jahre, kommt zur Rezeption. Mit gedrängter Stimme fragt er mich: "Do you have water here?". Ich empfehle ihm freundlich unseren Getränke-Automaten, da kann er sich eine Flasche Henniez ziehen.
"But I only have a credit card. I don't have any coins. It won't take my credit card. I need water. My mouth is so dry. I was walking the whole day. I need water. Very cold water."
Okeoke, ich habs begriffen... Ich schlage ihm vor, doch einfach Leitungswasser zu trinken.
Ja, ihr ahnts, das geht auch nicht. Da ist es ja nicht kalt genug... Also fülle ich dem Herrn, nett wie ich nun mal bin, einen Becher voll mit Eiswürfeln und strecke ihn ihm entgegen, in der Hoffnung, er möge nun seinen Becher mit Leitungswasser füllen.
So weit so gut.
Bloss, der Mann hat ein weiteres Problem: Er kann das Wasser nicht im Badezimmer holen, da sich ja dort die Leute rasieren und ins Lavabo spucken... Ja! Darum kann er das Wasser nicht von diesem Hahn nehmen...
Mammamia. Ich muss zugeben, ich bin ein klein wenig genervt und gebe ihm möglichst charmant zu verstehen, er solle nicht so dumm tun und das Wasser, das in bester Qualität aus dem Hahnen fliesse, geniessen.
Der Mann verschwindet.
Ich wende mich einem Holländer und einem Amerikaner zu, die andere wahnsinnig wichtige Fragen haben.
Zwei Minuten später sehe ich den Wasser-Mann noch immer völlig hilflos mit seinen zwei Bechern (einer leer, einer mit Eiswürfeln) in der Halle rumwatscheln. Er sucht einen Wasserhahn, der arme Hagel.
Ich habe Mitleid, oder einfach wirklich keine Nerven mehr, und reisse ihm fast den Becher aus den Händen, gehe in unser Büro und fülle den Becher mit Wasser. Ich überreiche ihn ihm mit den Worten "This is water from our office. No one has shaved here, we are all women!"
Überzeugt und zufrieden machte er sich davon und genoss sein Eiswasser.
Mission erfüllt!