Freunde, habt ihr auch mal gelernt, dass man im Zug erst die Menschen AUS-steigen lässt, bevor man EIN-steigt? Ich jedenfalls hab das Gefühl, dass ich das völlig eingetrichtert gekriegt hab. Und auf jeder Schulreise und auf dem Weg in jedes Blauringlager haben wir das brav geübt und angewendet. Schön hinstellen, damit die Leute gut rauskommen, nicht kreuz und quer vor der Tür stehen, damit nur noch ein schmales Gängli bleibt, durch das die 1000 Aussteigenden sich hindurchmoschten müssen. Nicht drängeln beim Einsteigen. Es hat für alle Platz.
Oder?
Macht Sinn.
Nun...
Manchmal möchte ich beim Ein- und Aussteigen in den Velowagen ein Video drehen. Echt Leute! Was ist da nur los?
Hier ein Beispiel von gestern Abend:
Ich stehe am Perron. Da ich nicht grad zum ersten Mal mit dem Velo in den Zug ab Zürich einsteigen werde (und die SBB halt auch sehr zuverlässig ist - immerhin im Normalfall), weiss ich schon ganz genau, wo "meine" Tür zu stehen kommen wird. Also stehe ich mit meinem Velo entspannt am richtigen Ort und esse genüsslich einen Apfel.
Der Zug fährt ein. Er bremst ab. Es sieht so aus, als würde der Velowagen (der ja halt eben auch ein Familienwagen ist...!) drei Meter weiter vorne halten also sonst. Also tigert die erste Mama mit ihrem Kinderwagen los, damit sie als erste einsteigen kann. Ich bleibe stehen, cool wie ich bin, weiss ich ja, dass die Tür zu mir kommt und nicht umgekehrt.
So ist es dann auch. Der Zug hält. Die Kinderwagen-Mama stiefelt zurück, stellt sich ganz nah an den Zug, so dass sie dann grad als erste einsteigen kann. Ich neben ihr, damit ich den anderen Menschen beim Aussteigen nicht in den Weg komme (hoffe ich zumindest). Links und rechts von der Tür stehen unzählige Menschen, die einsteigen wollen. Und ungefähr gleich viele wollen raus. Mit Velos und Kinderwagen und Koffern und Stöggelischuhen, die zwischen Zug und Perron fast hängen bleiben.
Die ersten Menschen machen schon einen Schritt vor, damit sie noch schneller einsteigen können. Und das, obwohl die Menschen immer noch aussteigen. Und jetzt haben die fast keinen Platz mehr zum Aussteigen, weil ja die Einsteigenden den Weg zum Aussteigen versperren. Tscheggsch? Nun ja, man muss vielleicht dabei sein, um die Absurdität der Situation in der ganzen Tragik zu erfassen. Kurz und Knapp: Gedränge beim Einsteigen.
Dann endlich sind alle draussen. Die Kinderwagen-Mama hat's geschafft: Sie ist die erste, die einsteigen kann. Triumphierend (vielleicht auch einfach gestresst...?) rollt sie ihren Wagen durch das Abteil und stellt sowohl Wagen wie auch sich selbst (inkl. Rucksack auf dem Rücken) so hin, dass alle anderen hintendran anstehen müssen, um zu einem Sitzplatz zu gelangen. Momoll, die hat's echt drauf!
Nun, irgendwann sitzen dann alle - oder sind zumindest eingestiegen.
Der Zug fährt bis Luzern. Alles easy, ich bin entspannt.
Dann Ankunft in Luzern.
Und jetzt das Ganze von der anderen Seite. Nun gehöre ich zu den Aussteigern. Und ich komme nicht raus! Denn die Einsteiger drängen schon rein. Ich verstehe es nicht... Man kann doch nicht übersehen, dass da noch drei Velos in der Pipeline stehen, die RAUS wollen. Und ganz viele Menschen, die sich rauskämpfen. Und trotzdem drängen die Menschen rein. Am liebsten würde ich sie alle rausschubsen. Oder belehrend sagen, dass man doch erst die Menschen aussteigen lassen soll, bevor man einsteigt. Ich getraue mich nicht. Wie gut, dass ein anderer Velofahrer, der sich durch die Massen drängt, es laut ausspricht.
Aber nützen tut's trotzdem nix.
Immerhin:
Einem Einsteigenden fahre ich über die Schuhe!
Ha!