Ich fahre des öftern Zug. Oft passiert dabei nicht viel Spannendes. Meist lese ich oder schaue aus dem Fenster oder höre den mehr oder weniger interessanten Gesprächen der anderen Gäste zu. Heja, was man halt so tut im Zug.
Letzten Freitag jedoch, da war alles anders! Und es war hochinteressant! Das war so:
Ich steige in den Zug. 17.54 Luzern-Olten. Erwartungsgemäss ist der Zug proppenvoll. Und es ist einer dieser ganz neuen Züge mit Lämpli zum Lesen, Bildschirmen an der Decke, und Sitzen mit Ohrenhaltern. So sieht es jedenfalls für mich aus.
Also, der Zug ist voll. Entsprechend ist mein Abteil auch ganz voll. Neben mir sitzt ein junger Mann, dem ich versehentlich mit diesem Lämpli in die Ohren leuchte (sie sind übrigens ganz sauber), vis-à-vis ein Mann in meinem Alter und schräg vis-à-vis ein Mann im Alter meiner Eltern.
So, da sitzen wir also. Ich bin völlig aufgekratzt und fröhlich. Weiss auch nicht, was mit mir los ist. Vielleicht ist es die Vorfreude auf das Fest heute Abend. Oder das Bewusstsein, dass ich ein super schönes Leben habe. Oder auch das Glas Weisswein, das ich am See sitzend genossen habe. Oder alles zusammen. Was weiss ich - jedenfalls bin ich fröhlich.
Item.
Ich erzähle dem Mann in meinem Alter, den ich übrigens kenne, von einem Job bei der Tour de Suisse, für den ich mich beworben habe. Ich bin völlig begeistert von der Möglichkeit, bei diesem spektakulären Velorennen dabei zu sein. Mein Bekannter eher weniger. Emotionen sieht man ihm nicht so rasch an. Der Herr an seiner Seite guckt mich an und ich sage zu ihm: "Ja, wäre doch toll, an der Tour de Suisse dabei zu sein."
Er darauf: "Ja, ich bin sie zehn Mal gefahren."
Ich: "Ja was! Also im Auto? Oder so richtig mit dem Velo?"
Er: "Ja, richtig mit dem Velo. Und die Tour de France bin ich drei Mal gefahren."
Ich: "Läck tschäppi!" (Ok, vielleicht hab ich auch etwas anderes gesagt, aber es war auf jeden Fall etwas, das meine Überraschung und Bewunderung ausgedrückt hat!)
Und dann kommen wir ins Gespräch! Ich muss zwar eigentlich recht dringend auf die Toilette, aber ich will mir diese einmalige Gelegenheit nicht entgehen lassen, bleibe sitzen und frage dem netten Herrn Löcher in den Bauch. So interessant! Ich sitze doch tatsächlich im gleichen Abteil wie Willy Spuhler und unterhalte mich mit ihm über Doping in den 60er-Jahren, über Gotthard-Überquerungen als 70-Jähriger, über Reifenwechsel an der Tour de France, über seine belgischen Velo-Freunde (da hab ich ja auch zwei!), über Schweizer Doping-Skandale und über die Geschwindigkeiten bei Velorennen. Und noch über so viel mehr! Die Fahrt von Luzern bis Olten vergeht im Flug.
So eine spannende Reise habe ich noch selten erlebt. Wir verabschieden uns per Handschlag. Es fällt mir kein anderes Wort ein. Ich bin "geflasht"!
Kurz darauf bin ich dann an einem Fest und erzähle voller Freude und noch immer in höchster Euphorie, dass ich Willy Spuhler getroffen habe. Leider kennt ihn niemand. Egal. Ich bin glücklich über diese Begegnung.
Sehr sogar.
Und ich weiss: Dieses Jahr fahre ich den Gotthard!