Hab ich nicht neulich gesagt, dass der Velowagen bei den SBB auch immer der Familienwagen ist? Madremia! Genau hier sitze ich jetzt. Und Leute! Das ist nicht nur der Velo- und Familienwagen - also so, dass es verständlich wäre, dass am Plätzli für die Velos auch immer viele Kinderwagen stehen. Es ist offensichtlich auch der bevorzugte Wagen für alle Menschen mit grossen Koffern. Rollkoffern notabene. Solche, die dann in jeder Kurve dumm im Zeugs herumröllelen! Am liebsten noch in die Richtung meines Velos! Das vertrage ich ganz schlecht! Wenn es um meinen Velotraum geht, werd ich quasi zur Löwenmutter. Das hat übrigens vorhin beim Einsteigen auch der Inder gemerkt, der mit seinen 1000 Koffern an meinem Velo vorbei huschen wollte und dabei voll in das Wechselauge getätscht ist. Mann, hab ich den angebrüllt. Ich hab mich grad selber erschrocken! Seine drei Kids auch und er offenbar auch. Jedenfalls konnte er grad nichts sagen. Ja, das war etwas überreagiert, ich weiss. Aber ich bin halt auch nur ein Mensch (sagt man doch so, oder?). Und einmal im Leben (oder ist mir das schon mal passiert...?) jemanden übertrieben und unfreundlich anschnauzen, möge man mir verzeihen. Und wenn MAN's nicht tut, ICH tu's.
Aber ich war ja noch bei den Koffern, die im Zeugs umenröllelen. Die müsste man halt äben leggen und nicht stellen... (Vielen Dank an dieser Stelle an den Stillen Has für diese wunderbare und sogar umkehrbare Phrase).
Und hey! Heute hab ich echt den Oberzonk gezogen. Nach einem wirklich langen Tag (immerhin gefühlt furchtbar lang) hab ich heute (ha – als wär's nur heute...!) das Vergnügen, in einem vollbesetzten Zug zu reisen. Vis-à-vis von mir sitzt ein älterer Herr, dessen Telefon immer wieder laut klingelt. Irgend so ein Rocksong aus den Siebzigern, wahrscheinlich aus einer Zeit, in der er noch jung war... Immerhin nimmt er jedes Mal nach einigen Sekunden lauten Geschrills das Telefon ab. Hören tut er dann doch nichts. Irgendwie will's nicht klappen. Ich frage ihn, ob ich helfen könne. Er telefoniere mit seiner Frau. Aber es funktioniere nicht richtig. Nein, echt? Hätte ich jetzt nie gemerkt. Nett wie ich bin (ausser wenn ich grad Inder anschreie), biete ich ihm mein Telefon an, um mit seiner Frau zu sprechen. Und nett wie er offensichtlich ist, teilt er mir mit, dass seine Frau in Marrakesch sei. Er möchte lieber nicht mit meinem Telefon telefonieren. Wirklich nett.
Vis-à-vis von meinem Velotraum ist ein Papa mit seinen vier Jungs. Aus irgendeinem Grund spricht er mit den kleinen Kindern englisch. Ich werde nicht schlau aus seinem Akzent. Es ist etwas australisches, gemischt mit schweizerisch. Warum um alles in der Welt spricht er so? Die Kinder verstehen es offenbar auch nicht. Jedenfalls schreien sie wild im Zeugs herum und wollen partout nicht Quartett mitspielen. Der einzige, der daran Freude hätte (und auch der einzige hier im Zug, der sich gerne sprechen hört), wäre Papa. Denn sein Quartett-Auto hat grad die meisten Zylinder. Die Mama hat sich übrigens abgesetzt. Die sitzt bei mir im Abteil und tut, als ob das nicht ihre Familie wäre. Was ich ehrlich gesagt nur zu gut verstehen kann!
Leute, bin ich tatsächlich froh, dass es immerhin doch noch ein paar Leute gibt, die einfach nur dumm den Blick am Abend lesen oder in ihr Handy gucken.
Und in nächster Zeit schreibe ich glaub mal einen Brief an die SBB mit der Anregung, den Velowagen vom Familienwagen zu trennen. Das wäre schön!
Ganz zum Schluss hab ich dann doch noch eine schöne Begegnung. Den frei gewordenen Platz der Mama mit den vier Kids und dem Mann mit der Sprach-Identitäts-Krise nimmt eine rund Achtzig-Jährige ein. Vornehm gekleidet, mit Jupe, roten Ballerinas, roten Handschuhen und einer interessanten Handtasche. Wir kommen ins Gespräch. Sie erzählt, dass sie heute sicher gut schlafen werde. Sie komme jetzt gerade vom Tanzen. Drei Stunden durchgetanzt, mit guten Tänzern. Das ist ihr wichtig! Das hat ihr gefallen!
Mir gefällt es auch!
Vielleicht ist mein Velo-Koffer-Kinder-Tänzerinnen-Wagen doch nicht so übel!