Gestern um halb fünf klingelte mein Wecker. In der NACHT! Oh weh, für einen kurzen Augenblick zog ich in Erwägung, mein Projekt abzublasen. Ich war so müde. Doch ich wusste auch: Es ist der einzige Tag, an dem ich das machen kann. No second chance! Also aufstehen, Zähne putzen, anziehen, Kaffee machen, in Thermobecher füllen und ab die Post.
Um 06:17 soll die Sonne aufgehen auf Rigi-Kulm. Der Wegweiser sagt, dass ich eine Stunde und 5 Minuten brauche bis dahin. Um genau 5 Uhr wandere ich los. In einer wundervollen Vollmond-Nacht.
Für einen ganz kleinen Augenblick verlässt mich der Mut. Denn erst jetzt checke ich, dass ich ja nun ganz alleine da auf den Berg hochwandern werde. Ohne Begleitung durch die Nacht. Was, wenn ... ja, was kann denn da geschehen? Dass ein Unhold am Morgen um 5 am Bahntrassee der Rigi-Bahn sitzt und mir auflauert, ist unwahrscheinlich. Bären und Wölfe gibt es nicht. Geister - ja, die können eh immer und überall sein.
Und wie gesagt: No second chance. Also mache ich mich auf den Weg. Am Tag davor bin ich die Strecke schon mal abgelaufen, damit ich nicht im Halbdunkel Wegweiser suchen muss. Das war eine gute Idee. Denn obwohl der Mond wundervoll hell ist, so würde ich doch bei einigen Kreuzungen unsicher sein. Aber das bin ich eh ganz oft; bei Kreuzungen unsicher. Hier lang oder da lang, wo ist es besser, wo ist es richtig, was ist mein Weg. So viele Möglichkeiten. Aber das ist eine andere Geschichte.
An diesem Vollmondmorgen kenne ich meinen Weg genau. Der Mond ist faszinierend hell und bietet mir während des gesamten Aufstieges ein wundervolles Fotosujet.
Es ist magisch. Ich alleine durch die Nacht. Es gefällt mir ausserordentlich gut. Ich bin glücklich und stolz, dass ich das mache.
Auf Rigi Staffel treffe ich dann auf die ersten Menschen. Oh wie schade! Die Ruhe ist vorbei. Schon um halb sechs plaudern die und leuchten mir mir ihren Stirnlampen dumm ins Geschicht. Stirnlampen - warum? Es ist so hell. Und sowieso, es ist ja schon fast Tag.
Ich grüsse kurz, gehe schnell durch die Gruppe durch. Die warten offensichlich noch auf mehr Menschen.
Schnell weiter, ich will in Ruhe hochgehen.
Vereinzelt treffe ich auf dem letzten Stück bis zum Hotel auf Rigi-Kulm noch ein paar Menschen an. Zum Glück nur wenige. Sie geniessen den Ausblick ebenfalls und fotografieren mal hier und mal dort den Mond, die Kuh am Horizont oder sich selber mit dem Mond.
Dann: Ankunft beim Hotel Rigi-Kulm. Von da sind es noch 170 m (steiler Weg - steht da auf dem Wegweiser).
Erst jetzt realisiere ich, dass ich mitnichten die einzige sein werde, die sich den Sonnenaufgang auf Rigi-Kulm anschauen will. Ich entdecke ein erstes Zelt gleich auf Kulm, ein anderes ist grad im Abbau. Ganz oben sitzen Menschen und plaudern lauthals! Um 10 vor 6 Uhr! Sie sitzen auf dem Mäuerchen und reissen Brot aus Säcken, streichen Konfi auf Wegglis und prahlen, dass sie noch gar kein Frühstück hatten bis jetzt.... what? Hey! Es ist 6 Uhr, weshalb solltest du denn schon gefrühstückt haben? Sogar, wenn du von ganz unten gestartet wärst, wäre es doch einfach mega früh.
Es ekelt mich richtig gehend vor diesen Menschen. Was geschieht hier vor mir?
Etwas weiter unten sitzen vereinzelt Menschen im Gras. Es sieht friedlich aus. Ich setze mich ebenfalls ins Gras, ein paar Meter entfernt. Erst dann merke ich, dass die drei Jungs total wach sind und sich irgendwelchen Mist von gestern und Instagram erzählen. Ich verstehe es nicht. Wie kann man denn hier sitzen, den sich magisch rötenden Himmel sehen und nicht stumm ergriffen sein von dieser Schönheit? Weshalb so laut? Und als dann noch ein Joint ins Spiel kommt, wechsle ich meinen Ort.
Ich finde ein Plätzchen, an dem ich etwas Ruhe hab.
Zwar höre ich die ganzen merkwürdigen Gesprächsfetzen um mich herum, doch es gelingt mir, bei mir und beim schönen Himmel zu bleiben.
Dann kommt Heidi. Wirklich Heidi. Aber das weiss ich erst am Ende unseres Gespräches. Sie ist wohl ein wenig älter als ich und spricht mich an, ob ich hochgewandert sei. Es ist nett. Wir plaudern, sie erzählt, dass sie gestern mit der letzten Bahn hochkam und hier mit Schlafsack und Mätteli übernachtete hatte - nice! Ein schönes Gespräch entwickelt sich, wir sehen es ähnlich mit dem Lärm hier oben. Dann: Auftritt der Sonne. Rot steckt sie schon mal ein erstes Scheibchen hervor, dann steigt sie langsam und anmutig auf den Himmel auf. Noch nie habe ich einen solchen Sonnenaufgang beobachtet. Es ist majestätisch. Ich fühle mich wie ein Mensch aus einer anderen Zeit. Diese Magie, wenn da plötzlich die Sonne wieder am Himmel steht. Wie ein fremdes Wesen, das unser aller Schicksal lenkt. Wie die Königin über alles. Schon fast dramatisch. Sie gleisst, rot, bronze, gold, alles dabei. Die farbigen Vorboten, die schon lange vor ihrem Auftritt von ihrer Ankunft erzählten, ziehen sich nun zurück. Sie gleisst alleine, steigt immer höher, bis sie so hell ist, dass ich sie nicht mehr mit blossem Auge betrachten kann.
Ich plaudere noch ein wenig mit Heidi, dann verabschieden wir uns.
Sie packt ihr Mätteli zusammen und ich wandere zurück Richtung Kaltbad. Bei Rigi-Staffel trete ich aus dem Schatten des Berges und die Sonne ist schon richtig schön warm. Ich setze mich auf eine Bank, geniesse die letzten Schlucke Kaffee und lasse meine Gedanken schweifen.
Ich bin dankbar für dieses Geschenk der Ruhe, des Lichtes, der Begegnung mit Heidi und die Dramatik der Morgengöttin.






