Sonntag, 24. Januar 2016

Not macht erfinderisch

Vierte Kolumne im Anzeiger für Thal-Gäu-Olten vom 24.12.15:

Meine in Kuba neu gekauften Schuhe weisen nach kurzer Zeit Mängel auf. Ich mache mich auf zum Schuhmacher. Als ich eintreffe, ist er gerade dabei, „Adidas-Schuhe“ herzustellen. Sie sehen verblüffend echt aus. Ein Original-Paar steht ihm als Muster zur Verfügung. Wer hier „Adidas“ kauft, weiss, dass es eine Kopie ist. Ich bin erstaunt, was mit der antiken Nähmaschine und Geschick möglich ist. Überall liegt Material herum, das dem Schuhmacher noch in irgendeiner Weise dienen kann. Ich erlaube mir die Bemerkung, dass seine Nähmaschine bei uns in Museen anzutreffen ist. Seine Antwort darauf: „Aqui no se bote nada.“ („Hier wird nichts weggeworfen.“) Mit dem Zusatz, es sei nicht so, dass sie die alten Dinge nicht wegwerfen möchten. Aber was dann...?
Einmal mehr erstaunt mich der Sarkasmus, der auf dieser Insel überall anzutreffen ist. Es scheint eine Überlebensstrategie zu sein. Ganz am Anfang meines diesjährigen Aufenthaltes hab ich zum Beispiel einen Kubaner gefragt, warum sie ob all der Schwierigkeiten nicht weinen. Er meinte darauf: „Wenn wir wegen allen Schwierigkeiten weinen würden, wäre die Schweiz schon bald unter Wasser.“
Kuba ist bekannt für seine antiken Autos. Was bei uns als Liebhaber-Objekt gehegt und gepflegt wird, dient hier meist als Taxi und ist den ganzen Tag auf der Strasse unterwegs. Aber auch hier wird es gehegt und gepflegt, jedoch mit den Möglichkeiten, die auf der Insel vorhanden sind. Für mich grenzt es an ein Wunder, dass diese Autos überhaupt noch fahren. Wenn ich erzähle, dass ich mein 10-jähriges Auto verkauft habe, weil sich die Reparatur nicht mehr gelohnt hätte, verstehen die Kubaner die Welt nicht mehr. Hier werden in antike Autos neue Motoren eingebaut, neue Pneus montiert und wenn kein Tank mehr vorhanden ist, dient zur Not auch ein Kanister gleich neben dem Motor. Erfindergeist ist ein weit verbreitetes Talent auf Kuba.
Autos, Fahrräder, Maschinen jeglicher Art, Mobiltelefone, Uhren, Schuhe, Kleider, etc. werden bis zum Gehtnichtmehr repariert. Kleider, die wirklich nicht mehr geflickt werden können, dienen noch lange als Abtrockner, Putzlappen oder Fussabtreter. Joghurt-Plasikbeutel werden nach dem Gebrauch als Verpackung für Butter, Guayabe und allerlei andere Lebensmittel verwendet. Flaschen, Plastik und Papier sind geschätzte Verpackungen und werden mehrmals und für allerlei Zwecke verwendet. Wegwerfen liegt nicht drin. Und wenn es doch weggeworfen wird, findet sich sicher jemand, der es einsammelt und verwenden kann. Das ist Recycling nicht aus Überzeugung, sondern aus Not.

Einmal mehr kehre ich mit unvergesslichen Erlebnissen und wertvollen Erfahrungen zurück in die Schweiz. Ich freue mich auf meine Familie und Freunde. Und ich werde Kuba vermissen.