Dritte Kolumne im Anzeiger für Thal-Gäu-Olten vom 10.12.15:
Obschon ich zum vierten Mal hier in Cuba bin, finde ich noch genügen Fettnäpfchen, in die ich treten kann. So zum Beispiel als ich mit einer kubanischen Freundin in der Patisserie anstehe. Hier gibt's Süssgebäck in allen Geschmacksrichtungen, absolut vergleichbar mit einer Auslage in der Schweiz. Das teuerste Teil finde ich für 85 Rappen. Ich frage sie, warum das hier so günstig sei. Ihre Antwort: „Für uns ist das teuer“.
Oder im Gespräch mit einem pensionierten Kubaner. Er ist 74 Jahre alt, seine Frau 72. Beide erhalten eine monatliche Rente von je rund 200 Peso Cubano (gut acht Franken). Das reicht nicht wirklich zum Leben. So arbeitet er vier Nächte pro Woche als Wachtmann in einem Restaurant. Von Mitternacht bis 06.30 Uhr sorgt er dafür, dass keine Diebe ins Restaurant eindringen. Mein unbedachter Kommentar: „Ich könnte nicht so arbeiten“. Seine Antwort: „Du MUSST ja auch nicht“. Noch beschämter bin ich, als ich realisiere, dass seine Ehefrau jeden Morgen um halb fünf Uhr aufsteht, kannenweise Kaffee kocht und diesen dann auf der Strasse verkauft. Für einen Peso Cubano, was ungefähr 5 Rappen entspricht. Ihr Kommentar dazu: „Man muss halt etwas tun“.
Das Verhältnis von Einkommen und Ausgaben steht in keinem vernünftigen Verhältnis. Ein Staatsangestellter verdient zwischen 10 und 35 Franken pro Monat. Je nach Ausbildung kann es auch mehr sein. Da sind 50 Rappen für ein Yoghurt ein Luxus. 50 Rappen für ein Kilo Gurken scheint schon vernünftiger. Oder 20 Rappen für ein halbes Kilo Reis und 60 Rappen für die gleiche Menge Bohnen. Was mir günstig erscheint, ist für die meisten Kubaner immer noch teuer.
Auch Kleider und Schuhe wollen gekauft sein. Hosen, T-Shirts und Schuhe gibt's in allen Preisklassen, vergleichbar mit Schweizer Preisen. Wer nicht einen Job hat, bei dem er viel verdient, denn auch das gibt es hier natürlich, oder ein Familienmitglied im Ausland hat und so Geld erhält, der bezahlt Kleider, Schuhe, Parfum, etc. in Raten. Oder man beschafft sich das Geld auf mehr oder weniger illegale Weise. Es verwundert mich nicht mehr, dass hier so viel Halblegales abläuft. Ein Angestellter einer Viehfutter-Firma klaut Futter und verkauft es auf dem Schwarzmarkt. Ein Aufseher einer Hotelanlage „vermietet“ die Swimming-Pools der leeren Bungalows an Bekannte. Ein Bauarbeiter entwendet Material von der Baustelle und verkauft es.
Wer vom Staat im Monat 25 Franken erhält, kauft sich nicht manches Süssgebäck für 60 Rappen. Und er hält sich wahrscheinlich auch nicht an alle Gesetze. Das hab ich nun auch kapiert.
Cuba verfügt über zwei Währungen: Den Peso Cubano (CUP), mit dem die Kubaner bezahlen und den Peso Convertible, der als Währung für die Touristen gilt, mit dem jedoch auch Kubaner viele Dinge erwerben müssen.Der Peso Convertible (CUC) entspricht dem US-Dollar. 24 Peso Cubano ergeben einen CUC.