Sonntag, 24. Januar 2016

Von bitteren Pillen und bösen Bakterien

Zweite Kolumne im Anzeiger für Thal-Gäu-Olten vom 26.11.15:

So sehr ich mich auf die ruhige Zeit in San Cristóbal gefreut habe, so sehr sehne ich mich nun an einen anderen Ort. Havanna, Trinidad und ganz sicher endlich irgendwo an den Strand. Schliesslich träume ich seit Wochen von Mojito unter Palmen! Doch ich bin noch immer hier im beschaulichen Dorf der Familie Paez. Mittlerweilen kenne ich wohl die gesamte Familie mit Cousins, Onkeln, Tanten und Enkeln. Sogar der Gemüseverkäufer winkt mir jeweils aufgeregt zu, wenn ich an seinem Stand vorbei gehe. Touristen verirren sich selten bis nie hierher. Es gibt auch nicht viel zu tun. Eigentlich besteht der Alltag aus schlafen, vor dem Haus sitzen, mit den Nachbarn plaudern, Domino oder Karten spielen, essen und schlafen. Und zwischendurch natürlich duschen – immer noch mit dem Eimer. Der Elektriker hat nach drei Anläufen dann doch aufgegeben und gemeint, er habe die Dusche bei allen Häusern so installiert. Es sei normal, dass Strom durch die Dusche fliesse. Man solle halt die Brause nicht anfassen.
Aus den geplanten drei, vier Tagen in San Cristóbal sind nun gut zwei Wochen geworden. Manchmal kommt einem das (kubanische) Leben dazwischen. Schon nach kurzer Zeit hier wurde ich nämlich krank. Ob es nun am hygienisch nicht ganz einwandfreien Kühlschrank liegt oder am merkwürdigen Fleisch, das ich hier esse oder doch am Wasser, mit dem ich mir den Mund spüle, weiss ich nicht so genau. Jedenfalls fühle ich mich nur noch als halber Mensch.
Auch wenn Kuba bekannt ist für seine gute medizinische Versorgung, fällt es mir schwer, den medizinischen Kenntnissen hier zu vertrauen. Wenn ich mir das Spital schon nur von aussen anschaue, möchte ich lieber nicht wissen, wie es drinnen aussieht. Ich versuche es darum erst mal mit viel schlafen, wenig essen, viel Wasser und wenig Kaffee trinken. Doch es nützt alles nichts. Nach fünf Tagen sehe ich endlich ein, dass hier wirklich nur noch Medizin hilft.

Meine Urinprobe reicht eine Nachbarin im Spital unter dem Namen von Mutter Paez ein. Die Analyse ist schnell gemacht und das Resultat wird schon nach einigen Stunden auf einem Fresszettel ins Haus geliefert. Kurz darauf macht sich Sohn Paez auf ins Spital, um sich von einem Arzt das Rezept geben zu lassen. Nicht ganz überraschend muss ein Antibiotika her. Blöderweise ist dieses jedoch im Spital grad nicht verfügbar.
Also fährt Sohn Paez mit dem ausgeliehenen Fahrrad ins Zentrum zur nächsten Apotheke. Erst in der dritten wird er jedoch fündig. Antibiotika scheint Mangelware zu sein. Wie erleichtert bin ich, als er endlich zurückkommt.
Ich habe kapituliert und bin bereit, meine Angst vor Antibiotika zu überwinden. Ich schlucke die bittere Pille. Sogar hier in Kuba!
Und es wirkt auch hier!

Morgen reise ich zurück nach Havanna. Ich freue mich darauf, wieder mal ein paar Touristen zu sehen. Und statt von krähenden Hähnen und bellenden Hunden zur Abwechslung vom Verkehr geweckt zu werden.