Samstag, 27. Februar 2016
Es ist soweit! Heute geht's endlich los mit dem Velo. Ich will Maria la Gorda erreichen. Mein erstes Etappenziel ist Pinar del Rio. Es ist ein wunderbares Gefühl, mit Sack und Pack unterwegs zu sein. Die ersten 20 Kilometer verstreichen unaufgeregt, denn diese Strecke bin ich bereits einmal gefahren. Doch nach Los Palacios geht's los! Ich befahre sozusagen Neuland. Denn auch wenn ich schon mehrmals in Pinar del Rio (PNR) war, so doch immer mit dem Bus, Auto oder Camion und über die Autobahn. Auf der Carretera Central war ich noch nie unterwegs. Ich fahre vorbei an grünen Feldern, Kühen, Vögeln. Immer wieder winken mir Leute zu. Ab und zu kommt auch mal ein dummer Spruch „Blondie, nimm mich mit!“
Auf der Höhe von Cubanacan komme ich an eine Kreuzung. Einen Wegweiser finde ich nicht. Gefühlsmässig geht's gerade aus. Doch sicherheitshalber frage ich lieber mal nach. Das gute an Kuba ist, dass immer irgendwer an der Strasse steht und weiterhelfen kann. Ich frage nach der Richtung nach Pinar del Rio. Die Dame schickt mich nach rechts, nach San Diego, dort könne ich dann die Carretera Central wieder erreichen. Da ich bis jetzt auf der Carretera Central unterwegs war, bin ich etwas verwirrt, dass diese plötzlich hier an dieser Kreuzung aufhören soll. Und auf meiner Karte ist ja auch nichts solches eingetragen. Doch die Dame beharrt darauf, mich nach rechts zu schicken.
Ich hinterfrage nicht allzu lange und fahre nach rechts. Nach einem guten Kilometer stehen drei Leute an der Strasse. Eine gute Gelegenheit, um noch mal nachzufragen, ob das wirklich der Weg nach PNR sei. Nun ja, die Carretera Central sei dort, wo ich gerade herkomme. Aha, hab ich mir's doch gedacht. Aber da könne ich im Moment nicht durchfahren, da der Stausee über die Ufer getreten sei und jetzt die Strasse unter Wasser stehe...
Das kann ich fast nicht glauben. Ich meine, da war kein Schild, kein Hinweis, kein gar nichts. Ob da wirklich so viel Wasser ist, dass ich mit dem Velo nicht durch kann? Oder ist einfach die Strasse nass? Ich weiss es nicht. Aber ich habe auch keine Lust, umzukehren und es herauszufinden. Also nehme ich den Umweg in Kauf, zumal ich ja auch schon gehört habe, dass San Diego und La Güira ganz schön sein sollen.
Also, schön ist es schon. Aber jetzt nicht sooo toll, dass sich der Umweg tatsächlich gelohnt hätte. Aber easy. Ich hab ja Zeit, das Wetter ist schön und die Strasse ist auch nicht allzu schlecht. Nach rund 14 Kilometern komme ich wieder auf die Hauptstrasse. Und da gibt's auch ein Dorf mit vielen Caféterias. Das trifft sich gut, denn ich habe ausser Wasser nichts bei mir. Eingedeckt mit einem Päckli Crackers, versorgt mit einem Glas Refresco und zwei Bananen mag ich wieder weiterfahren. Den verhutzelten Mann, der mir fünf Mal sagt, ich soll ihn doch mitnehmen, lasse ich stehen und radle weiter.
Der Rest der Fahrt ist einfach schön und ich komme gut vorwärts. Der Strassenbelag ist durchwegs gut und ich komme in den Genuss von Rückenwind. Zudem lassen mich die zahlreichen Gerüche in Erinnerungen schwelgen. Der intensivste Geruch ist der nach Grill-Feuer. Er erinnert mich an zahlreiche Erlebnisse mit Freunden und Wurst am Stecken. Das ist schön und ich nehme mir vor, diesen Sommer öfters im Freien zu bräteln.
Und: mindestens vier Mal höre ich auf der Strecke aus einem Haus oder auf der Strasse das Lied „Hasta que se sece el Malecón“. Das scheint hier gerade die Nummer 1 zu sein!
Nach insgesamt 93 Kilometern entdecke ich das Ortsschild „Pinar del Rio“ - geschafft! Denke ich jedenfalls. Denn wie man sich vorstellen kann, hat eine Stadt wie PNR eine „Agglo“... also fahre ich noch mal gut fünf Kilometer, bis ich im Zentrum bin. Erst jetzt fällt mir auf, wie rein die Luft auf der Strecke bis hierher gewesen ist. Denn nun, da ich in der Stadt unterwegs bin, schwirren deutlich mehr Abgase und undefinierbare Gerüche in der Luft herum.
Im Zentrum angekommen, suche ich mir ein Haus, das ich auch recht schnell finde. Mein Velo darf ich im Wohnzimmer (mit Garagentor!) abstellen und im oberen Stockwerk habe ich ein ganzes Appartement für mich! Ich freue mich sehr auf Ruhe und Platz für mich! Nach einer unglaublich entspannenden Dusche fühle ich mich wie neugeboren. Meine Velokleider tausche ich gegen Jupe und Top und gleich fühle ich mich als Touristin. Das ist zur Abwechslung ganz schön.
Etwas weniger schön sind die Männer, die meinen, ich freue mich, wenn sie mich anquatschen, mich fragen „where are you from?“, mir Küsschen zuschmatzen oder mir schöne Augen machen. Nach einem guten Monat in einem kleinen Dorf habe ich vergessen, wie es ist, als Ausländerin alleine in touristischen Orten unterwegs zu sein. Es fühlt sich an wie ein Spiessrutenlauf und ich finde es einfach doof. Also stelle ich mir vor, ich bin ein Pferd mit Scheuklappen. So geht's ganz gut und ich kann es sogar geniessen, in einer Stadt zu sein. Ich geniesse den ausgesprochen guten Kaffee auf einer kühlen Terrasse, kaufe Wasser und widerstehe der Versuchung, den schönen Jupe mit Blumenmuster zu kaufen.
Den Rest des Tages verbringe ich mit Znacht essen und ein bisschen lesen. Um neun bin ich bereits im Bett, müde äusserst zufrieden und glücklich.
