Freitag, 11. März 2016

Mitwisserin

Montag, 7. März 2016

Ich bin alleine zu Hause, trinke Kaffee, lese und geniesse die Ruhe. Später am Tag will ich nach Artemisa. Da kommt D. zu Besuch. Sie ist die 17-jährige Cousine meiner Gastfamilie. Sie ist des Öftern hier, zum ersten Mal sind wir jedoch alleine. Ich weiss (im Gegensatz zu ihrer Mutter, Grossmutter und Tante) von ihrem Vorhaben, auf einem Boot in die USA zu fliehen. Das nötige Geld hat sie bereits zusammen gesucht und bezahlt. In den nächsten beiden Tagen soll sie Bescheid erhalten, wann es losgeht. Irgendwie möchte ich sie davon abhalten, doch habe ich das Recht dazu? Und irgendwie wäre es mir lieber, wenn ich das alles gar nicht wüsste. Aber da ich es nun mal weiss, habe ich beschlossen, sie nach ihren Gründen für die Flucht, denn das ist es nun mal, zu fragen. Wenig erstaunlich ihre Antwort: „Hier gibt es keine Möglichkeiten.“ Sie gibt zu, dass sie Angst hat. Sie weiss, dass die Wahrscheinlichkeit, unterwegs zu sterben, grösser ist als heil anzukommen. Und trotzdem scheint sie recht überzeugt, dieses Risiko einzugehen. Mit einer erschütternden Gelassenheit erzählt sie mir, dass Nachbarn von ihr von Haien gefressen wurden. Sie kennt viele Leute aus dem Dorf, die es nicht geschafft haben. Doch sie kennt eben auch solche, die es geschafft haben und in den USA gelandet sind. Das ist der Strohhalm, an den sich viele klammern.
Nach dem D. gegangen ist, bleibe ich mit einer seltsamen Gefühlsmischung zurück. Den Ausflug nach Artemisa streiche ich für heute. Statt dessen mache ich eine kleine Velotour.
Ich brauche frische Luft.