Freitag, 4. März 2016
Was für eine furchtbare Nacht! Ich glaube, ich habe keine Stunde am Stück geschlafen. Die Angst vor weiteren Mückenstichen, die Hitze im Zimmer, das unbequeme Kissen und leider wohl auch die Riesenportion Salat lassen mich unruhig von einer Seite auf die andere drehen. Fast bin ich froh, dass um sieben Uhr der Wecker klingelt und ich aufstehen kann. Das Frühstück steht kurz darauf auf dem Tisch und ich frage mich, wie viel Sinn es macht, meinem Körper nach dem reichlichen Znacht und dieser anstrengenden Nacht schon wieder Nahrung zuzufügen. Da aber schon alles hier steht und es wirklich lecker aussieht und duftet, geniesse ich Früchte, Tortilla, Brot und Kaffee in vollen Zügen.
Wohl genährt geht es los. Ich will bis Bahia Honda. Das sind knapp 90 Kilometer, eine relativ kurze Etappe, denke ich und mache mich entsprechend sorglos auf den Weg.
Und es wird die anstrengendste Etappe der gesamten Tour. Die Strasse führt weiterhin Hügel hoch und runter. Der Belag ist schlecht und ich muss mich konzentrieren. Immerhin ist die Landschaft nicht soo toll, dass ich etwas verpassen würde, wenn ich nur stur auf die Strasse schaue.
Ich starte mein Amateur-Mental-Training. Nach 30 Kilometern Schüttel-Strecke gebe ich mich geschlagen und ich rufe laut aus! So eine Scheiss-Strasse. Ich habe die Schnauze voll!
Und was passiert danach? Keine 400 Meter später ist die Strasse perfekt asphaltiert und mein Velotraum gleitet wie von selbst dahin. Soo schön! Tausend Dank für diesen berauschenden Abschnitt! Gleichzeitig mit der schönen Strasse wird auch die Landschaft wieder bewundernswert. Ob das ein Zufall ist? Oder ob ich es vorher einfach nicht gemerkt habe? Ich weiss es nicht. Umso mehr geniesse ich nun die faszinierende Umgebung. Einmal mehr zieren Palmen die Strecke. Immer wieder kreuzen wunderschöne Schmetterlinge meinen Weg und am Strassenrand wuchert die Schwarzäugige Susanne, eine Pflanze, die ich schon lange auf meinem Balkon ansiedeln möchte und hier quasi als (notabene wunderschönes!) Unkraut wächst.
Nach knapp 90 Kilometern fahre ich in Bahia Honda ein. Hier will ich übernachten. Doch schon bei der Einfahrt merke ich, dass mich hier nicht viel hält. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass Bahia Honda ein schöner Ort sein könnte. Mit einer schönen Bucht zum Baden und so. Doch dem ist nicht so. Es ist einfach ein ganz normales kubanisches Dorf. Und das kenne ich ja schon.
Also beschliesse ich, die Sierra del Rosario zu überqueren und nach Soroa zu fahren. Als Schweizerin bin ich mir schliesslich Berge gewohnt. So krass kann dieser Hügel jetzt auch nicht sein, dass ich da die Überquerung nicht schaffe. Ich schaue kurz auf meine Karte und überschlage, dass das rund 14 Kilometer sind bis nach Soroa. Das sollte locker zu schaffen sein, auch mit dem ganzen Gepäck, das ich mit mir mitschleppe.
Denke ich... der Anfang ist locker und ich bin guter Dinge, dass ich nach einer knappen Stunde in Soroa eintreffen werde.
Aus den 14 Kilometern werden 30. Aus dem Hügel wird ein regelrechter Pass und aus der einen Stunde werden zwei! Zum Teil ist der Weg so steil, dass ich mein Velo schieben muss! Das kratzt mich schon ein bisschen. Aber es geht nicht anders. Ich bin den Tränen nahe, als ich nach einer Kurve eine neue Steigung entdecke. Fast sehe ich mich schon im Wald übernachten.
Aber da erinnere ich mich zum Glück an den lieben Herrn, der mir mein Velo verkauft hat und mir gesagt hat: „Wenn du Pässe fahren willst, machst du einfach den kleinsten Gang rein, dafür ist der ja da. Du musst ja nicht pressieren. Einfach immer trampen“. So. Das mach ich dann auch.
Und siehe da: Nach gut sieben Litern Schweiss stehe ich auf der Passhöhe!
Nice!
Die Abfahrt ist steil und lang. Ich bin froh, als ich endlich das Strassenschild „Soroa“ entdecke. Nach 122 Kilometern stelle ich mein Velo ab, setze mich ins Restaurant und geniesse ein Coci light – herrlich!
Den letzten Abschnitt von Soroa nach San Cristóbal mache ich mit dem Taxi. Diese Strecke kenne ich nun schon zur Genüge und ich habe keine Lust, noch mal eine Stunde meine Muskeln zu trainieren.
Zu Hause angekommen, stelle ich mich unter die Dusche und dann lege ich mich ins Bett, unter mein Mückennetz, bin glücklich, und stolz. Und vor allem freue ich mich auf eine erholsame Nacht.
