Sonntag, 28. Februar 2016
Aha, ich übernachte in einer Stadt. Das merke ich auch nachts um zwei Uhr. Auf der Strasse streiten sich lauthals eine Frau und ein Mann, so lange bis ich Polizeisirenen höre. Dann schlafe ich wieder ein. Geweckt werde ich – entgegen meinen Hoffnungen – nicht von Sonnenstrahlen, sondern von krähenden Hähnen!
Meine heutige Etappe führt mich von Pinar del Rio nach La Fé. Dort will ich übernachten, denn es klingt so schön und liegt am Meer.
So weit im Westen Kubas war ich noch nie. Die Landschaft ist wunderschön. Viele Tabak- und wahrscheinlich (kei Ahnig von Botanik) Reisfelder säumen meinen Weg. Unendlich viele Männer und Kinder rufen mir hinterher. Am Anfang reagiere ich noch, nach einiger Zeit wird es mir jedoch zu blöd und ich fahre konzentriert weiter.
Der Strassen-Belag ist grösstenteils gut bis sehr gut. Und ich habe fast immer Rückenwind. Ich fühle mich wunderbar und frei und happy. Be happy – ride a bike! Das steht in Luzern in einem Veloladen und es stimmt zu 100%!
Rund fünf Kilometer vor La Fé bin ich dann nicht mehr so happy. Da hatte der Staat offenbar kein Geld mehr, um die Strasse zu renovieren. Ich fahre Slalom, knapp 14 km/h und versuche so gut als möglich, den gröbsten Löchern auszuweichen. Wie froh bin ich, als ich nach rund 90 Kilometern La Fé erreicht habe. Und wie ernüchtert, als ich feststelle, dass in La Fé nichts, aber wirklich nichts Wunderbares ist. Sogar das Meer scheint hier irgendwie schmutzig zu sein. Das Dorf, das ich seines Namens wegen als Etappenziel gewählt habe, ist ein Kaff mit einigen Häusern. Eines zum Übernachten sehe ich nicht und ich suche auch nicht. Es ist noch früh am Nachmittag und ich beschliesse, einfach weiter zu fahren. Irgendwann wird ja wohl mal ein Haus zum Übernachten auftauchen.
Auf der Weiterfahrt überlege ich mir eine schöne Geschichte, warum dieses Dorf „La Fé“ (der Glaube) heisst. Mit welchen Hoffnungen hier wohl jemand angefangen hat, sein Haus zu bauen und warum aus La Fé das wurde, was eben jetzt hier ist?
Die nächsten 10 Kilometer fahre ich mit Gegenwind. Und nicht etwa eine schwache Brise, sondern ein halber Hurrikan (so fühlt es sich jedenfalls an). Erst jetzt wird mir bewusst, wie stark der Rückenwind bis jetzt gewesen ist...
Ein Kutscher bietet mir an, mich auf seinem Pferdewagen mitzunehmen. Ein anderer will mich abschleppen (im wahrsten Sinne des Wortes). Doch ich will selber fahren. Es kann nicht mehr weit sein. Bis Maria La Gorda (mein eigentliches Endziel) sind es gemäss Strassentafel noch 43 Kilometer. Irgendwie schaffe ich auch das. Ich muss sagen, ich fühle mich super gut. Natürlich spüre ich meinen Hintern und auch die Oberschenkel waren schon entspannter, aber ich weiss, dass ich irgendwann ankomme. Und nach zehn Kilometern fahre ich auch wieder mit Rückenwind – das ist schön! Die Sonne brennt auf mich herunter. Ich ziehe meinen Regenschutz an, um meine Arme nicht zu verbrennen. Ich bin allein auf weiter Flur. Nur ganz selten überholt mich ein Auto oder kommt mir eines entgegen. Das ist ein grosser Vorteil. Denn es scheint, als hätte Kuba seit Jahren auf diesen letzten 25 Kilometern keine Investitionen mehr gemacht. Eine Strassenseite ist jeweils ein bisschen weniger zerlöchert. So wechsle ich fröhlich von rechts nach links und geniesse es, so unbesorgt, auf der linken Seite unterwegs zu sein, spontan auf die andere Seite zu wechseln, immer auf der Suche nach einem möglichst langen ebenen Abschnitt. Allenfalls auftauchende Autos höre ich frühzeitig oder sehe sie. Denn die Strecke führt schnurstracks gerade aus und lange durch einen Wald. Das schönste an der Fahrt sind die zahlreichen Vögel, die ich zwar nicht sehe, jedoch höre. Ich fahre durch ein Naturschutz-Gebiet und es fühlt sich super an!
Kurz nach dem Besucherzentrum des Naturschutz-Gebietes erfahre ich, dass es in Maria La Gorda keine Casas Particulares gibt, sondern nur ein Hotel. Aha, ich bin ja bestens informiert...
Anyway.
Ich fahre um die nächste Kurve und da sehe ich es:
Das MEER!
Es ist ein unglaublich erhabenes Gefühl! Ich bin noch nie mit dem Velo ans Meer gefahren. Aber in diesem Moment weiss ich, dass ich es nicht zum letzten Mal gemacht habe! Die Schönheit dieses Anblickes verschlägt mir den Atem – oder die Sprache? Wie heisst das schon wieder? Egal, ich bin ergriffen.
Ich bin in La Bajada, 14 Kilometer vor Maria La Gorda. Es ist eine Ansammlung von rund 20 Häusern. Und hier bleibe ich! Mein Haus liegt direkt am Meer. Mein Zimmer hat Meersicht. Es ist perfekt!
Und sogar die vier Deutschen, die auch noch hier wohnen, entpuppen sich als äusserst liebenswürdige Herren. Gemeinsam trinken wir eine Flasche Rum und plaudern über allerlei. Es ist ein wunderbarer Abschluss eines langen Velo-Tages mit persönlichem Streckenrekord.
Einmal mehr: Velofahren (auf Kuba) ist fantastisch!

