Donnerstag, 31. März 2016
Die Ausfahrt aus Matanzas ist ähnlich schön und verkehrsreich wie die aus Havanna gestern. Die ersten paar Kilometer fahre ich in die gleiche Richtung, wie wenn ich nach Varadero fahren würde. Ich überlege (halb ernsthaft), ob ich abbiegen soll und mich einfach ein paar Tage an den Strand hängen soll. Wäre ja durchaus eine Variante.
Aber wohl eine eher langweilige, oder?
Bei der Verzweigung Varadero-Santa Clara fällt mir dann auch die Entscheidung nicht wirklich schwer. Ich entscheide mich natürlich für die Velo-Variante. Zu dem Zeitpunkt weiss ich zum Glück noch nicht, dass es ein harter Tag wird...
Ich bin zum ersten Mal auf einer Strecke unterwegs, auf der wirklich viel Verkehr herrscht. Und zwar nicht nur für ein paar Kilometer, sondern eigentlich für die ganze Zeit. Und es scheint fast, als sei heute nationaler Abgas-Wettbewerb. Gewinner ist der Lastwagen mit der schwärzesten, grössten, stinkigsten Abgas-Wolke. Es ist wirklich unglaublich, wie gross diese Wolken sein können. Und wie viele Fahrzeuge am Wettbewerb mitmachen. Offensichtlich ist Matanzas-Santa Clara eine Strecke, auf der erstens viele Kubaner reisen möchten und zweitens viele Güter transportiert werden. Jedenfalls überholen mich unzählige Lastwagen.
Man soll ja immer das Positive im Leben sehen, gell. So erfreue ich mich daran, dass die Strasse in einem sehr guten Zustand gut ist. Und da auch heute die Landschaft meine Aufmerksamkeit nicht auf sich ziehen kann, hab ich viel Zeit zum Denken und Träumen. Das ist auch schön. Einen grossen Teil der Strecke verbringe ich damit, zu überlegen, welche Geschenke ich für wen in die Schweiz mitnehmen könnte.
Irgendwann realisiere ich, dass es extrem heiss ist. Und ich bin nicht sicher, ob ich noch im Vollbesitz meiner geistigen Fähigkeiten bin. Jedenfalls fahre ich wie im Delirium. Der Gegenwind ist heute noch stärker als gestern und ich muss wirklich „arbeiten“, um vorwärts zu kommen. Aber ich denke an meinen englischen Velo-Freund Andie, der das einfach als „good excercice“ (schreibt man das so?) ansehen würde. So ist es schon viel einfacher. Oder immerhin ein bisschen.
Die heutige Etappe ist die kürzeste Kuba-Etappe bisher aber eine der anstrengendsten. Schweissgebadet komme ich in Colón an. Ich glaube nicht, dass ich schon irgendwann in meinem Leben so sehr geschwitzt habe. Echt jetzt!
Bevor ich duschen kann, stelle ich mich erst mal fünfzehn Minuten vor die Klimaanlage. Das ist schön.
Später mache ich einen Spaziergang durch Colón, ein typisch kubanisches Dorf. Ausländer treffe ich keine. Aber das schöne daran: Ich fühle mich nicht fremd hier. Ich fühle mich nicht als Ausländerin. Ich werde zwar als Ausländerin erkannt, aber nicht entsprechend angesprochen. Das ist schön. Mein Spanisch hat sich in diesen zwei Monaten stark verbessert und meine Kenntnisse des kubanischen Alltags, der Preise für Lebensmittel und Dienstleistungen sind gut genug, um ohne zu Zögern einzukaufen. Das ist ein schönes Gefühl! Und das scheint sich wohl auch irgendwie in meiner Ausstrahlung niederzuschlagen. Jedenfalls will mir ein Strassenverkäufer sogar Knoblauch verkaufen. Sehr guten, das braucht man immer, versucht er mich zu überzeugen. Er scheint zu glauben, dass ich Kubanerin bin, oder zumindest hier wohne und koche... Erst als ich ihm mitteile, dass ich nur zu Gast hier bin, hebt er eine Augenbraue, schaut mich genauer an und zieht grinsend von dannen.