Mittwoch, 30. März 2016
Ich bin wieder mit meinem Velo unterwegs. Äusserst euphorisch fahre ich am frühen Morgen durch die Vibora („mein“ Quartier in Havanna). Y.'s Onkel hat mir die Ausfahrt gut erklärt: Bis zur 10 di Octubre, dann der Avenida Acosta entlang bis sie aufhört, beim Altersheim rechts abbiegen. Dann alles gerade aus, nicht nach links, nicht nach rechts abbiegen. Bei der Ampel „weisses Pferd“ rechts abbiegen und dann alles gerade aus. Das sind sieben Kilometer und die Beschreibung ist prima. Es ist wunderbar, der Sonne entgegen zu fahren.
Etwas weniger wunderbar ist der Verkehr. Ich bin auf einer äusserst viel befahrenen Strasse. Ich werde von unzähligen Autos, Bussen und Lastwagen überholt. Und fast alle hinterlassen eine faszinierend grosse schwarze Abgas-Wolke. Ich meinerseits überhole Pferdewagen, Velofahrer und Bici-Taxis. Ohne Abgas-Wolke. Immerhin.
Ich bin unendlich froh, dass ich nach diesen gut sieben Kilometern das Gröbste hinter mir habe. Ich erreiche das Dorf Cotorro und somit auch die Carretera Central. Mit der Einfahrt in Cotorro kehrt auch Ruhe ein. Ich bin wieder mal fast alleine auf der Strasse. Das ist schön! Und die Strasse ist fast neu, das ist noch schöner! Ich weiss nicht, ob es daran liegt, dass ich nun schon so lange in Kuba bin, oder weil die Strasse so tadellos asphaltiert ist. Jedenfalls kommt mir alles so vertraut vor, dass ich mich bisweilen in der Schweiz wähne. Das ist ein merkwürdiges Gefühl. Fast so, als ob ich in beiden Ländern zu Hause wäre.
Oder in keinem mehr wirklich?
Nein, eher so, als ob beide mein zu Hause sind – nice!
Die Landschaft ist eher unspektakulär.
Oder eben vertraut. Nun, es könnte wirklich auch irgendwo auf einer Nebenstrasse in der Schweiz sein. Grüne Weiden, ein paar Sträucher, ein paar Kühe, ein paar Ziegen, ab und zu ein Hund, keine Palmen. Nichts, das meine Aufmerksamkeit wirklich auf sich ziehen würde. Ausser vielleicht die paar Aasgeier, die über mir kreisen. So anstrengend empfinde ich die Strecke nun doch nicht, dass ich schon bald Futter für diese schwarzen Vögel sein könnte. Eine Lied-Passage von Patent Ochsner tönt in meinen Ohren „über ihre kreise d' Geier...“.
Hmmm.
Nach kurzem Kreisen über mir verziehen sich die Vögel dann jedoch.
Gut.
Wie erwartet fahre ich mit Gegenwind. Doch er ist zum Glück nicht so streng, dass ich allzu müde werde. Auch gut so!
Nach rund 95 Kilometern fahre ich in Matanzas ein. Zwar hatte ich vor meine Abreise in Havanna nicht wirklich eine Vorstellung von Matanzas. Aber ich kann mich erinnern, dass ich über Matanzas auch schon mal in einem Reiseführer gelesen habe. Also sollte es doch ein Ort sein, der etwas Schönes an sich hat. Etwas, das sich Touristen ansehen. Und nicht nur eine Ansammlung von Häusern im Stil von La Fé (erinnert ihr euch...?) Quasi ein Notlösung für müde Velofahrerinnen?
Nein, das kann nicht sein. Oder doch? Ich fahre fast zwei Kilometer an langen Häuserreihen vorbei. Das Strassenschild „Stadtzentrum“ gibt mir jedoch Hoffnung, dass dann schon noch etwas Schönes kommt.
Und – tataaaa: Es kommt etwas Schönes! Nicht gerade das Wunderschönste, aber es stellt sich heraus, dass Matanzas seinen ganz eigenen Charme hat. Die Häuser im Stadtzentrum sind fast alle im Kolonial-Stil gehalten, das Haus, in dem ich ein Zimmer finde, hat einen schönen Innenhof und verfügt über grosse und hohe Räume. Und es ist das schönste Badezimmer, das ich bis jetzt in Kuba angetroffen habe. Ja, nach dem Desaster mit der Dusche in „meinem“ Haus freue ich mich immer sehr über eine richtig funktionierende Dusche. Und das hier ist eine Superdusche!
Lovely.
Ich mache einen Spaziergang durch das Zentrum, dann runter zum Strand, dann rauf zur Kirche und dann hinein ins Bett. Ich bin doch tatsächlich ein wenig müde. Ausruhen soll ja ganz wichtig sein.
Später am Abend entdecke ich ein italienisches Restaurant, das diesen Namen wirklich verdient. Die Fettucini sind hausgemacht, al dente gekocht und kommen mit einer vorzüglichen Sauce. Zum Dessert gibt's Espresso und Gelato.
I'm just happy!