Sonntag, 10. April 2016

6. Etappe von Sancti Spíritus nach Ciego de Avila (84 Kilometer)

Dienstag, 5. April 2016

Ob die zwei Belgier gestern noch zu einem Bier-Ergebnis gekommen sind, weiss ich nicht. Aber ich glaube, sie haben intensiv gefestet, äh, getestet. Jedenfalls erscheint nur einer zum Frühstück. Der andere liegt (noch) flach. Und wieder einmal bestätigt sich die Theorie meiner lieben Freundin M., dass sich die Menschen äusserst häufig über Essen und Fäkalien unterhalten. Und das schon beim Frühstück...
Wie dem auch sei. Um halb neun fahren wir heute zum ersten Mal gemeinsam los. Die Magenverstimmung kommt nicht vom Bier, denn schon gestern Nachmittag fühlte sich Filip nicht so rosig. Doch die intensive Test-Phase war dem Wohlbefinden vielleicht doch nicht zuträglich.
Ich bin dann jedoch beeindruckt, wie schnell gewisse Menschen auch mit einem flauen Magen Velo fahren können. Oder vielleicht treibt ihn auch einfach der Drang, möglichst bald eine richtige Toilette zu finden, so schnell vorwärts? Nun, ich habe jedenfalls auf den ersten dreissig Kilometern etwas Mühe mitzuhalten. Dann werden wir entweder langsamer oder ich gewöhne mich daran. Keine Ahnung, jedenfalls fühle ich mich prima. Und auch den Regen, der fünfundzwanzig Kilometer vor Ciego de Avila einsetzt, durchqueren wir im Eiltempo. Es ist sogar eine schöne Abwechslung, im Regen zu fahren.
Allein würde ich für diese Strecke sicher länger brauchen. Aber dank Geplauder mit Luc und der Motivation, den schnellen Filip nicht aus den Augen zu verlieren, bin ich viel schneller unterwegs als sonst. Und das, ohne dass es sich viel anstrengender anfühlt. Ich kann mehr leisten, als ich gedacht habe.
Das ist schön.

Eine Dusche ist heute mehr denn je angesagt. Denn nebst Schweiss, Abgasen, allgemeinem Strassendreck und Überreste der Sonnencrème klebt heute auch noch Teer an meinen Beinen. Versehentlich bin ich durch ein Stück frisch reparierter Strasse gefahren. Das ist ein bisschen unglücklich. Denn – tataa – Damen und Herren, ich kann euch mitteilen: Teer geht mit Seife nicht ab. Auch nicht mit den Fingernägeln. Auch nicht mit dem Rasierer. Eigentlich gibt es fast nichts, das diese zahlreichen Schlirggen von meinen Beinen lösen würde. Aber so kann ich nun unmöglich durch die Stadt spazieren. Auch festes Rubbeln mit dem Badetuch nützt nichts (zum Glück ist es nicht weiss...)
Nach mehreren nutzlosen Versuchen kommt mir meine Nagelfeile in den Sinn. Mit der und – wie Herr Juppe sagen sagen würde – in mühevoller Kleinarbeit gelingt es mir, mich sauber zu kriegen. Das ist auch schön.

So frisch geduscht und in (ziemlich) frischen Kleidern mag ich auch wieder denken. Und zwar recht intensiv. So langsam hab ich nämlich den ewigen Gegenwind satt. Mein Entschluss, bis nach Camagüey zu fahren, steht auf sehr wackeligen Beinen. Zwar wären die beiden Belgier meine Begleiter, was durchaus seine Vorteile hat. Doch es wird mir von mehreren Seiten versichert, dass die Strasse nach Camagüey schlecht und recht eintönig sei. Zudem sei Camagüey nicht wirklich so super schön. Und es sind gut 120 Kilometer. Und das eben alles voraussichtlich mit Gegenwind.
Nach einem längeren Gespräch mit dem Herrn des Hauses, in dem er mir mit lautstarker Stimme versichert, dass es sich auf keinen Fall lohne, nach Camagüey zu fahren, bin ich recht sicher, dass ich in die andere Richtung weiterfahre.
Wie schön ist es doch, seine Meinung und Pläne einfach ändern zu können. Ich liebe diese Freiheit! Und seit ich gestern das Schild „Cayo Coco“ gesehen haben, bin ich beseelt von der Idee, mit dem Velo auf ein Cayo zu fahren.
Ich entscheide mich also für die lange Etappe nach Caibarién, von wo ich dann am nächsten Tag auf das Cayo Santa Maria fahren kann.

Entspannt und zufrieden mit meiner Entscheidung trinke ich nach dem Znacht ein, zwei, drei Rum mit Luc, dem grossen Belgier. Der kleinere liegt wieder flach.
Nach einer herzlichen Verabschiedung mache ich mich auf zu meinem Haus. Ich stecke den Schlüssel ins Schloss. Doch da rührt sich nichts. Die Tür will nicht aufgehen. Das ist nun irgendwie blöd. Diese kubanischen Schlösser und Türen sind aber auch wirklich in schlechtem Zustand. Nichts dreht sich. Nichts bewegt sich. Gopf!
Wie gut, dass Luc ganz in der Nähe ist, mir zuschaut und dann bemerkt: „Hey, this is not your door“.
Ohoh, da steh ich doch tatsächlich nachts um halb elf vor der falschen Tür und versuche, diese verzweifelt aufzukriegen. Ob das an unserer Rum-Degustation liegt...?
Egal.
Meine Tür ist zwei Meter nebenan und steht weit offen.
Na denn, gute Nacht…!