Freitag, 1. April, 2016
Heute will ich früh los und hoffe, dass ich so die kühle Morgenluft geniessen kann. Und es ist wirklich herrlich, bei kühler Luft zu fahren! Es ist sogar schon fast kalt.
Ich komme prima vorwärts. Die Strasse ist gut und es hat wenig Verkehr.
In Amarillas mache ich eine Kaffeepause und esse das beste Pan con Guayaba, das ich bis jetzt in Kuba gegessen habe. Wahrscheinlich bin ich so verzückt von diesem Brot, dass ich unaufmerksam bin und irgendwie vom richtigen Weg abkomme. Dass ich wohl falsch abgebogen bin, merke ich jedoch erst nach gut zwanzig Kilometern. Also nach neun Kilometern in die falsche Richtung, neun Kilometern zurück und dann einigen Kilometern auf der Autobahn. Immerhin komme ich so in einem Ort an, der Plan Arroz heisst. Das finde ich lustig. Noch lustiger wäre es jedoch, wenn der Ort auf meinem Original-Weg liegen würde. Anyway, immerhin hab ich auf dem Rückweg einige Kilometer Rückenwind und ich fahre zum ersten Mal auf der Autobahn Velo. Und eben auf dieser Autobahn realisiere ich, dass ich offensichtlich schon seit Amarillas auf einer anderen Strecke unterwegs bin, als ich auf meine.
Aber äbe.
Nach einigen Velo-Kilometern auf der Autobahn – was übrigens in Kuba gang und gäbe ist – komme ich an diesem Schild vorbei:
Cienfuegos: 78 km
What?! Das macht mich jetzt aber fertig. Es ist ja nicht so, dass ich eben erst gestartet wäre... Ich habe schon einige Kilometer in den Beinen und fühle mich schon etwas (sehr) müde. Und nun noch mal achtundsiebzig Kilometer? Und überhaupt, das stimmt doch gar nicht mit meiner Karte überein. Darauf wären es nur noch rund fünfzig.
Nun, immerhin macht es Spass, auf der Autobahn zu fahren. Es hat wenig Verkehr und die Strasse ist tiptop.
Rund zwei Kilometer später kommt meine Ausfahrt und das Schild:
Cienfuegos 53 km.
Aha, schon viel besser. Das macht jetzt zwar rechnerisch keinen Sinn, aber dafür stimmt es ungefähr mit meiner Karte überein. Ich nehme die Ausfahrt, fahre 500 Meter und finde das Schild:
Cienfuegos 68 km.
Madremia. Das macht mich ganz konfus. Was läuft denn hier? Und es macht mich auch ein wenig hoffnungslos. Noch so viele Kilometer? Und das bei diesem Wind?
Aber es bleibt mir nichts anderes übrig. Ich biege Richtung Cienfuegos ab und die volle Wucht des Windes schlägt mir entgegen.
Es ist wirklich anstrengend. Netterweise fackelt auch noch ein Zuckerrohr-Feld vor mir ab. Der Rauch ist dicht und beisst in den Augen. Ich kämpfe mich durch den Rauch. Ein bisschen hab ich auch Angst. Ich erinnere mich an Grossbrände und Menschen, die an Rauchvergiftung gestorben sind. Ich will einfach schnell da durch.
Fix und foxi komme ich auf der feuerfreien Seite heraus. Blauer Himmel und klare Luft begrüssen mich. Mit Tränen in den Augen – auch vom Rauch – bleibe ich kurz stehen und sehe den Löscharbeiten zu. Dass dieser Brand mit einigen Druckfässern gelöscht werden kann, glaube ich noch nicht so ganz. Die Kubaner sind jedoch guten Mutes.
Und das wiederum gibt auch mir Mut, dass ich es heute doch noch schaffen könnte, in Cienfuegos anzukommen. Und ich nehme mir die Freiheit, noch bis Yaguaramas, den nächst grösseren Ort, zu fahren und dort zu entscheiden, ob ich irgend eine Mitfahrgelegenheit suchen soll.
Bei der Einfahrt in Yaguaramas steht wieder mal ein Schild:
Cienfuegos 38 km.
Also, das ist nun wirklich verwirrend. Denn ich bin ganz sicher noch keine 30 km unterwegs seit dem Schild mit den 68 km. Irgendwie waren bei der km-Zählung wohl verschiedene Leute mit verschiedenen Massstäben am Werk. Oder es ist ein ganz doofer Witz. Oder sogar ein extra für mich angelegter 1. April-Scherz? Wohl kaum, oder?
Nach einem Refresco Limon gehts weiter. So ein paar Kilometerli haben wir noch immer genommen. Gring abe und trampe ist heute mehr denn je die Devise.
Und es funktioniert ganz gut. Die Strasse ist super, es hat nicht viel Verkehr und irgendwann gibt sogar der Wind nach. So komme ich in den Genuss, die letzen zwanzig Kilometer mit nur gelegentlichen Windböen zu fahren. Es ist sogar richtig schön und ich habe Freude an meinen Beinen, die wie eine Maschine schön auf und ab trampen. Die gleichmässige Bewegung und mein stures „Nicht-denken-einfach-trampen“ erinnert mich an eine Freundin, die den Kilimandjaro (shit, wie schreibt man das? Kann es nicht rasch im Internet nachschlagen... ohoh) bestiegen hat. Das war glaub auch recht anstrengend. Und sie hat einfach immer schön „eins-zwei-eins-zwei-eins-zwei“ gedacht. Oder war es „links-rechts-links-rechts-links-rechts“? Egal, ihr wisst, was ich meine.
So.
Wie schon in Pinar del Rio täuscht auch in Cienfuegos die Kilometer-Angabe. Sie ist nämlich bis zum Stadtbeginn berechnet.Also, falls überhaupt berechnet. Jedenfalls bin ich schon lange in der Stadt, ohne in der Stadt zu sein. Doch auch diese letzte Hürde schaffe ich noch und fahre mit müden Beinen, glücklich und zufrieden und auch ein bisschen stolz auf meinen grossen Beinmuskel in Cienfuegos' historischem Stadtteil ein.