Freitag, 25. März 2016
Dank der Information aus der Schweiz (merci Liserl!) weiss ich seit zwei Tagen Bescheid, dass heute die Rolling Stones in Havanna ein Gratiskonzert geben. Y., seine Schwester (ebenfalls Y.) und ich machen uns am Morgen auf den Weg nach Havanna, um dieses historische Konzert zu besuchen. Die beiden haben zwar keine Ahnung, wer die Rolling Stones sind. Und ich würde mich jetzt auch nicht als deren grössten Fan bezeichnen. Aber auf keinen Fall will ich dieses Konzert verpassen.
Es beginnt um 20.30 Uhr. Auf mein Drängen hin sind wir bereits um 14.30 Uhr auf dem Konzertgelände. Und wir sind bei Weitem nicht die ersten! Überall sitzen, liegen und stehen allerlei Leute herum. Kubaner, aber vor allem viele Ausländer. Viele davon offensichtlich Stones-Fans, einige wohl auch Fans der ersten Stunde.
Die Zeit bis zum Konzert-Beginn schleicht dahin. Es gibt nicht wirklich viel zu tun. Eine willkommene Abwechslung bieten die fünf Stones-Mitarbeiter, die Rolling Stones-T-Shirts in die Menge werfen. Es entsteht ein richtiger Hype und die Leute trampeln sich auf den Füssen herum, um ein T-Shirt zu ergattern. Y. hat Glück und erwischt eines. Wie alle anderen zieht er es sich natürlich auch gleich über. Und es dauert nicht lange, bis er von einem Fan aus Wien angefragt wird, ob er es verkaufen möchte.
Nach kurzem Zögern, einem Seitenblick zu mir (ich hätte das Shirt nach dem Konzert als Geschenk erhalten) und einer kurzen Verhandlung meinerseits mit dem Wiener wechselt das Stones-in-Cuba-Shirt seinen Besitzer und ein 50er-Nötli wandert in Y.'s Portemonnaie. Als Provision wird mir ein reichhaltiges Frühstück versprochen, immerhin.
Bis zum Konzert dauert es immer noch einige Stunden. So mach ich mich mal auf, für einen Besuch auf dem Klo anzustehen. So vergeht schon mal eine halbe Stunde. Der Gestank auf dem Mobi-Toi-ähnlichen WC ist gerade noch auszuhalten.
Danach meldet Y.'s Schwester, dass sie Durst hat. Das Wasser, das ich mitgebracht habe, mag sie nicht. Als Kubanerin steht sie auf überzuckerte Refrescos. Da auf dem Gelände nichts gekauft werden kann, machen Y. und ich uns auf den Weg nach draussen. Und wir hoffen, dass wir dann auch wieder rein können. Wir haben uns nämlich in den vordersten Teil der Anlage geschummelt. Dort, wo eigentlich nur Zutritt mit einer Einladungs-Karte ist. Dass die Eintritts-Kontrolle jedoch nicht ganz so wirksam ist, hab ich relativ rasch gemerkt, als ich einfach zielstrebig am Kontrolleur vorbei spaziert bin, Y. und seine Schwester im Schlepptau.
Netterweise erhalten wir beim Verlassen des „Einladungs-Bereiches“ eine Invitation-Karte, mit der wir dann ganz bestimmt wieder reinkönnen.
Nice.
Nach einer guten halben Stunde kehren wir zurück, bepackt mit Wasser, Refresco, Crackers, Sandwiches. Als ob wir am Verhungern wären. Das Wasser scheint beliebt zu sein bei den Umstehenden. Jedenfalls verkaufen wir die Hälfte der gekauften Flaschen an Touristen. Y., ganz in der Manier eines geschäftstüchtigen Kubaners, würde wohl auch noch die anderen drei Flaschen verkaufen, würde ich nicht intervenieren. Es ist heiss und ich möchte das Wasser eigentlich gerne selber trinken.
Und immer dauert es noch ewig bis zum Konzert. Ich beschliesse, mich noch mal in die WC-Schlange zu stellen. Diesmal warte ich eineinhalb Stunden! 90 Minuten. Und das ist kein Scherz!Für die erwarteten 500'000 Konzertbesucher stehen 9 WC's zur Verfügung. Sechs im Invitation-Bereich und drei im hinteren Bereich. Vielleicht sind es auch 12, gut möglich, dass ich nicht ganz alle gesehen hab. Aber wirklich viele sind es nicht, oder? Ich denke an die langen WC-Wagen-Diskussionen an den Brunnenfest-Sitzungen und muss ein bisschen grinsen. Eine Putzfrau für die WC's haben sie hier übrigens nicht...
Rechtzeitig zum Konzertbeginn bin ich dann wieder an meinem Plätzchen.
Und dann endlich kommen die Rolling Stones! Fast sechs Stunden haben wir auf sie gewartet und am Schluss sehe ich trotzdem nicht viel. Offensichtlich hat unsere mangelnde Konzert-Erfahrung dazu geführt, dass wir nicht rechtzeitig nach vorne drängten. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich an einem guten Ort stehe und bis zur Bühne sehe. Nun ja, bis zur Bühne sehe ich schon, aber leider nicht so genau, was AUF der Bühne läuft. Aber egal, es ist trotzdem eindrücklich, diese Band live zu sehen! Auch wenn die meisten Kubaner wohl nicht so mitfeiern wie bei einem Los Van Van Konzert, so ist die Stimmung doch prima und um uns herum sind viele Ausländer, die kräftig tanzen, singen, feiern und eingeschmuggelten Rum trinken und grosszügig auf den Köpfen der kleineren Konzertbesucher (wie zum Beispiel mir) verteilen.
Nach gut zwei Stunden verabschieden sich die Stones. Ohne dass der angekündigte Chor gesungen hätte und ohne dass „Satisfaction“ gespielt worden wäre. Dass die Stones nun auf viel Applaus und Geschrei warten, um dann ihre Zugabe zu spielen, verstehen die Kubaner nicht so genau. Ich befürchte schon fast, dass der Applaus nicht reicht, um die Band noch mal auf die Bühne zurück zu holen. Vielleicht geht es aber auch nur in meiner Ecke nicht ganz so euphorisch zu und her, weil hier viele Kubaner sind und die anwesenden Ausländer müde sind vom Rum trinken. Ist aber vielleicht auch nur eine Unterstellung. Vielleicht höre ich auch einfach nicht mehr so gut nach zwei Stunden wildem Rock'n roll!
Wie dem auch immer sei, die Stones geben natürlich eine Zugabe. Zuerst mit dem Chor und dann zum Abschluss „Satisfaction“. Es scheint das Lied zu sein, das auch die Kubaner kennen. Jedenfalls tobt das Publikum, singt, tanzt und feiert dieses wirklich historische Konzert!
Ich bin begeistert von diesem Konzert, von der Band, von einem Stück Musikgeschichte, vom Zusammenhalt einer Musik-Gruppe, vom Schalk in den Augen der Künstler, von der schier endlosen Energie dieser Rock-Gesteine.
It's only Rock'n roll – but I like it!