Samstag, 2. April 2016
Was für eine schöne Ausfahrt aus Cienfuegos! Dem Boulevard entlang, dann in der 37. Strasse nach links abbiegen, nach vier Quadras links abbiegen und nach einer halben Quadra nach rechts. Dann Berg hoch. Dann Berg runter. Und so geht es einen grossen Teil des heutigen Tages weiter. Ich komme mir mitunter vor wie in einer übergrossen Minigolf-Anlage oder in einer überdimensionalen Kugelbahn. Die Strasse ist nigelnagelneu und herrlich zum Fahren. So herrlich, dass ich wieder mal nicht genau schaue, wo ich denn überhaupt durch fahre. Einen komplizierten Wegweiser (schade, hab ich kein Foto gemacht), der mir sagt, dass ich für Trinidad irgendeinen ganz komischen Schlunk machen soll, ignoriere ich unbekümmert.
Irgendwann schwant mir dann jedoch, dass ich auf einer anderen Strasse unterwegs bin, als die, die mich nach Trinidad führt. Und tatsächlich, ich bin nur noch einen Kilometer vom Strand Rancho Luna entfernt. Der soll ja sehr schön sein und einen kurzen Moment überlege ich mir, ob das ein Zeichen ist und ich mich heute einfach an den Strand legen sollte. Aber ich glaube, es ist eher ein Zeichen, dass ich besser auf Strassenschilder schauen sollte. Und so kehre ich um. Immerhin. Es sind nur vier Kilometer und die vergehen mega schnell, da Berg runter und Rückenwind. Also nichts mit Rancho Luna, dafür weiter in der Kugelibahn. Rauf und runter und rauf und runter. Dass ich nun auf der richtigen Strecke bin, merke ich auch daran, dass mich unzählige Touristenbusse und Touristen-Autos überholen. Cienfuegos-Trinidad ist ja eine Parade-Strecke. Und auch landschaftlich ist es heute endlich auch mal wieder richtig schön. Kuba ist einfach ein wunderschönes Land und dank den zahlreichen Hügeln hab ich auch immer wieder eine fantastische Aussicht auf die Ebene unter mir.
Wie in den letzten Tagen ist auch heute der Gegenwind der Wermutstropfen auf der Strecke. „The wind is a bitch“, denke ich im schönsten Englisch vor mich hin. Aber jänu. Der ist halt nun mal da und es gibt nichts zu ändern. Also immer schön trampen, Hügel hoch und runter, die Aussicht geniessen und das Leben und den Luxus, dass ich überhaupt hier unterwegs sein kann.
Just, als ich nebst all den wunderbaren Freiheits-Gedanken auch mal wieder denke „the wind is a bitch“, höre ich hinter mir Stimmen. Kann das sein? Oder bin ich einmal mehr im Delirium? Höre ich schon Stimmen? Vorsichtig drehe ich meinen Kopf.
Und da sind doch tatsächlich zwei Velofahrer mit Gepäck hinter mir. Quasi aus dem Nichts tauchen die auf und verfolgen mich. Wie geht denn das? Ob die wohl aus einem der zahlreichen Touri-Busse ausgestiegen sind und nun nach Trinidad fahren? Anders kann ich mir das fast nicht erklären, denn ich hätte die doch mal sehen müssen.
Kurz darauf sind sie auf der gleichen Höhe wie ich und wir kommen ins Gespräch. Sie sprechen nur wenig Spanisch, dafür Flamenco. Hä? What? Was soll denn das für eine Sprache sein? Die zwei Herren sind ja ganz lustige. Zum Glück fällt s'20i relativ rasch und ich kombiniere, dass die Herren Belgier sind und Flämisch (gemäss ihrer spanischen Übersetzung: Flamenco) sprechen. Keine Ahnung, ob das so heisst, aber ich finde es eigentlich ganz schön, wenn man Flamenco sprechen kann.
Anyway.
Die zwei stellen sich als recht umgänglich heraus und wir fahren die restliche Strecke bis Trinidad gemeinsam.
Unsere Strecke führt uns auch über tausende von toten Krebsen. Die sind nämlich zur Zeit auf dem Weg von den Bergen, wo sie zur Welt kommen, hinunter zum Meer, wo sie dann leben werden. Das heisst, falls sie die Strasse dazwischen heil überqueren. Mir scheint es fast unmöglich, dass überhaupt irgendwelche Krebse im Meer angekommen sind oder noch ankommen werden. Denn statt auf dem Asphalt fahre ich auf toten Krebsen. Und zum Klarstellen: Keine Übertreibung! Ich hab mich eigentlich darauf gefreut, in Trinidad Langosta zu essen. Doch nach so vielen toten Krebsen (inklusive intensivem toter-Fisch-Geruch) vergeht mir die Lust darauf.
Es ist heiss heute. Und die Strasse ist grösstenteils an der prallen Sonne, zwar wunderschön dem Meer entlang aber eben ohne Schatten.
Es ist heiss. Hab ich das schon gesagt?
Endlich endlich komme ich an einem Baum vorbei. Der eine Belgier ist weit voraus, der andere etwas hinter mir. Ich halte unter dem Baum an und geniesse die relative Kühle. Es sind zwar nur noch rund zehn Kilometer bis Trinidad, aber ohne Pause will ich nicht mehr weiterfahren. Der zweite Belgier hält neben mir und wir unterhalten uns ein bisschen. Neben dem Baum ist ein Früchtestand und der nette Kubaner gibt uns von jeder Frucht, die er im Verkauf hat, ein bisschen zu probieren. Dass diese warmen Früchte, mein erhitzter Magen, die grosse Menge Wasser und später in Trinidad dann noch Kaffee und Glacé nicht eine wirklich ideale und gesunde Mischung sind, realisiere ich erst in der Nacht. Dafür umso deutlicher.
Aber das wäre ja jetzt vorgegriffen. Gell.
Also, da essen der grosse Belgier und ich uns fröhlich durch sämtliche kubanischen Früchte und freuen uns über die Vitamine. Gleichzeitig macht sich der kleinere Belgier vielleicht ein wenig Sorgen. Wir sind ja nun doch schon ein Weilchen nicht mehr sichtbar. Kaum beenden wir unsere Degustation und fahren los, kommt uns nämlich der Velo-Kollege entgegen.
Gemeinsam fahren wir dann die letzten Kilometer bis Trinidad. Die Einfahrt in diesen Lieblings-Ort ist wunderschön und ich fühle mich sofort irgendwie zu Hause. Natürlich auch, weil ich in meinem „Stamm-Casa“ äusserst herzlich empfangen werde. Ich erhalte sogar einen Mango-Saft zur Begrüssung. Dass der meinem Magen auch nicht gerade zuträglich ist, merke ich dann leider eben erst später.
Den Rest des Tages verbringe ich mit duschen, spazieren, Kaffee trinken, Glacé essen, ein bisschen Znacht essen und dann früh schlafen gehen.